Meinungen

Manager ohne Bodenhaftung
Gelesen von Angelika Eckert bei www.sueddeutsche.de.de

Die da oben Die Elite predigt Wasser, trinkt selbst Wein - und kennt den Begriff Ethik oft nur aus Hochglanzbroschüren. Haben "die da oben" die Bodenhaftung verloren? Nein, die Gesellschaft hat versagt - weil sie diese Leute als Elite anerkennt.
Ein Kommentar von Heribert Prantl

Die Milchbauern, die arm dran sind, weil sie nicht mehr wissen, wie sie von ihren Kühen leben sollen, haben eine Verbandszeitschrift, die Elite heißt. Das ist anrührend anachronistisch, weil kein Mensch beim Wort Elite an Gras, Kühe und die Mühen der Herstellung von guten Grundnahrungsmitteln denkt.

Elite ist landläufig das Wort für "die da oben", und der Bauer gehört eher zu "denen da unten". Im Titel des "Magazins für Milcherzeuger" steckt also einerseits ein liebenswerter Anspruch, andererseits ein bescheidener Protest - Protest dagegen, dass die "Elite" auf der anderen Seite der Gesellschaft verortet wird: dort, wo die Großmanager sitzen und die Eigner der Großhandelsketten, die den Bauern Hungerpreise diktieren. Und so gibt das Milchbauern-Magazin nicht nur Auskünfte über die Fütterung der Kühe, sondern führt zu einer gesellschaftspolitisch fundamentalen Frage: Was macht eine Elite überhaupt aus? Geldfülle, Machtfülle, Genussfülle?

Gier und Neid

Wenn heute in Deutschland von "Eliten" gesprochen wird, folgt das Wort "Versagen" auf dem Fuß. "Eliteversagen" ist der Sammeltitel für Nachrichten aus dem Bereich von Wirtschaft und Politik, der gemeinsame Nenner für Analysen und Kommentare zu Korruptionsaffären, zu Spitzel- und Selbstbedienungsskandalen.

Eliteversagen? Man könnte auch schlimmere Wörter dafür finden, wenn ein Spitzenmanager seinen Arbeitern erst abringt, auf Lohn zu verzichten, dann aber ihre Jobs ins Ausland verlagert; wenn diejenigen, die das Ende der sozialen Hängematte verkünden, sich selber Dutzende von Hängematten knüpfen. Es ist gewiss nicht Ausdruck von Neid, wenn horrende Gehälter und Abfindungen kritisiert werden. Neid bewegt sich in einem System, das halbwegs mit der Normalität zu tun hat. Das ist bei den Verdienstverhältnissen von Politikern der Fall; bei Spitzenmanagern nicht.

Es ist gierig, wenn einer wie Zumwinkel sein Geld ins Ausland schafft. Es ist kriminell, wenn Unternehmen wie zuletzt Siemens und Telekom so tun, als stünden sie außerhalb des Rechts. Es ist asozial, wenn Unternehmenspolitik nach dem Motto gemacht wird: Da gibt es erstens, zweitens, drittens uns - und dann gibt es da noch irgendwo die Gesellschaft. Es war falsch, dass viele Politiker solchen unternehmerischen Direktiven mit Globalisierungsgebrabbel assistiert haben. Eliten haben sich zwar elitär geriert, sich aber zum Bedienungspersonal einer globalisierten Markt-Maschinerie degradiert, die angeblich stets das verlangte, was sie gerade taten.

Ethik als Gedöns

Mittlerweile scheint wieder ein Gespür für Zusammenhänge zu wachsen, welche die früheren Siemens-Chefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld kannten, aber nicht achteten. Kleinfeld hatte in seiner Doktorarbeit den "engen Zusammenhang zwischen Image und Unternehmenserfolg" nachgewiesen. Es geht allerdings um mehr als Image; es geht um Reputation. Image kann man mittels Werbeagenturen korrigieren, Reputation wächst auf diese Weise nicht.

Es reicht nicht, wenn ein Unternehmensberater schnell ein Konzept für "Corporate Social Responsibility"entwickelt, das dann nach dem Motto "Gelesen, gelacht, gelocht" behandelt wird. Es reicht nicht, wenn der Vorstand das Vorwort der neuen Ethik-Broschüre schreibt. Die Mitarbeiter müssen spüren, dass Ethik mehr ist als Gedöns, das den Staatsanwalt zufriedenstellen soll. Gut, es ist ja schon etwas, wenn ein Unternehmen keine Gesetze bricht; aber als Unternehmenskultur kann man das noch nicht bezeichnen. Sie könnte in der nachhaltigen Suche nach dem Gehalt der drei großen V’s bestehen: Vorbild, Verpflichtung, Verantwortung.

Wieso nicht die Eliten versagt haben, sondern die Gesellschaft - und warum "die da oben" das Denken verlernt haben.

Wenn es aber zu oft so ist, dass Werthaltungen wenig zählen, dass der schnelle eigene Erfolg die politischen Inhalte oder unternehmerischen Strategien vorgibt und dies zur "Verkurzfristigung" allen Handelns führt - dann sitzen auf den Spitzenposten nicht die besten und verantwortungsvollsten Leute, sondern diejenigen, die sich als besonders anpassungsfähig und rücksichtslos erwiesen haben.

Das ist eigentlich kein Eliteversagen - diejenigen, die dort sitzen, hatten ja Erfolg mit ihrem Verhalten. Versagt hat hier die Gesellschaft, die diese Leute - ihrer Stellung, ihres Geldes und ihrer Wirkungsmöglichkeiten wegen - als Elite anerkannt hat. Solche Eliten sind nicht Eliten, sondern nur schlechte Führungskräfte.

Gier als Vorsorge

Im Volkszorn auf sie steckt freilich die Sehnsucht nach Vorbildern, nach Anstand und Halt; es gibt ein Bedürfnis danach, sich an etwas halten zu können. Sachzwänge? Ja, die gibt es auch: Früher kamen die Manager mit gut 50 in den Vorstand und blieben dort, wurden 15 Jahre später samt vielen Bequemlichkeiten in den Ruhestand verabschiedet; heute kommt man in den Vorstand mit knapp 40, ist aber dafür wieder ganz schnell draußen; da gilt Gier als Vorsorge.

Nun ist es gewiss nicht so, dass zu Zeiten der Capulets und Montagues die Eliten besser gewesen wären. Aber in einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft gibt es an sie höhere Anforderungen. Und wenn diese partout nicht erfüllt werden, muss man bei der Suche nach den Ursachen früh anfangen - schon in den Schulen, die zu sehr auf gut funktionierende, arbeitskompatible Schüler achten. Und wenn das Studium der Betriebswirtschaft darauf trimmt, den Gewinn des Unternehmens und das eigene Einkommen zu mehren, darf man sich nicht wundern, wenn später soziales Engagement als Narretei verstanden wird.

Die Verdummung der Elite

In den Personalauswahlverfahren der Großbetriebe, bekannt als "Assessment Center", wird nicht kluges Nachdenken, sondern entschlossenes Entscheiden belohnt; und also wird es auch künftig so sein, dass in den Konzernen alle paar Jahre erst fusioniert und dann wieder diversifiziert wird. Was hilft ein "Realitätssimulationsverfahren" bei der Personalauswahl, wenn dabei falsche Realitäten simuliert werden?

Umdenken beginnt mit Denken, und da ist es bitter, wenn "Eliten" das Denken nicht gelernt oder verlernt haben. Am bittersten ist es, wenn man den Eindruck partieller Verdummung der Eliten haben muss - weil sie das normale Leben nicht mehr kennen; weil sie von früh bis spät von Taschenträgern und Türaufhaltern umwuselt sind; weil für sie vor lauter Wichtigkeit keine Zeit zum Lesen mehr haben und die Öffentlichkeit für sie nur noch als Ausschnitt-Pressespiegel existiert.

Nun hat ja auch Presse für den Zustand der Gesellschaft eine gewisse Verantwortung; unsereins sollte also den Mund nicht zu voll nehmen bei der Klage über Elite-Defizite. Unlängst begab es sich, dass der Spitzenmann einer größeren Zeitung in einer großen deutschen Stadt einen Brief an seine "Leserinnen und Leser" schreiben wollte. Bei der Abfassung kam ihm das Wort von der Presse als "Vierter Gewalt" in den Sinn und er wandte sich an seine Redakteure, um sich bestätigen zu lassen, dass man das so sagen könne. Er schrieb es zufrieden nieder, wandte sich dann noch einmal um und fragte ganz ernst: "Und wer sind eigentlich die anderen drei Gewalten?" Ein Milchbauer hätte es gewusst.


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